The Age of Age Verification

Warum wir plötzlich überall unser Alter nachweisen müssen und was das für die Zukunft des freien Internets bedeutet.

Pauline Schmiechen - GAN Autoren Profilbild
15 Minuten Lesezeit

Ich arbeite seit Jahren in der Adult-Branche und dachte eigentlich, dass ich mich an die absurden Herausforderungen dieser Industrie gewöhnt hätte. Zahlungsanbieter, die mit bestimmten Geschäftsmodellen nichts zu tun haben wollen. Werbeplattformen, auf denen selbst harmlose Anzeigen abgelehnt werden. Social-Media Plattformen, die Accounts sperren, sobald es auch nur entfernt um sexuelle Inhalte geht. Irgendetwas ist eigentlich immer.

In letzter Zeit beschäftigt mich allerdings eine Entwicklung, die weit über die Adult-Branche hinausgeht: Wir bewegen uns auf ein Internet zu, in dem wir immer häufiger nachweisen müssen, dass wir erwachsen sind.

Mal mit einem Ausweis, mal mit einem Selfie, mal über einen externen Dienstleister, der bestätigt, dass wir tatsächlich schon unseren 18. Geburtstag gefeiert haben. Und je nach Website und Verfahren möglicherweise immer wieder von vorne.

Willkommen im Age of Age Verification.

Bevor das falsch verstanden wird: Ich bin für Jugendschutz. Minderjährige sollten keinen ungehinderten Zugang zu pornografischen Inhalten haben. Ich kenne auch kein seriöses Adult-Unternehmen, das Minderjährige als Kunden gewinnen möchte. Abgesehen von der Verantwortung gegenüber jungen Menschen wäre das für die Unternehmen ein erhebliches rechtliches Risiko.

Trotzdem frage ich mich, ob wir gerade die richtigen Prioritäten setzen. Und ob wir ausreichend darüber sprechen, was es langfristig für das Internet bedeutet, wenn der Zugang zu legalen Inhalten immer häufiger an digitale Nachweise geknüpft wird.

Von Deutschland bis Australien: Altersverifikation wird zum Standard

In Deutschland sind strenge Alterskontrollen für pornografische Onlineangebote nichts Neues. Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag schreibt vor, dass pornografische Inhalte nur innerhalb sogenannter geschlossener Benutzergruppen zugänglich gemacht werden dürfen. Ein einfacher Button mit der Frage „Bist du über 18?“ genügt dafür nicht.

Andere Länder haben inzwischen ähnliche Anforderungen eingeführt, allerdings mit unterschiedlichen gesetzlichen und technischen Vorgaben.

In Großbritannien müssen betroffene Websites und Apps seit Juli 2025 im Rahmen des Online Safety Act hochwirksame Alterskontrollen einsetzen. Das betrifft nicht nur pornografische Inhalte, sondern auch bestimmte andere für Minderjährige schädliche Inhalte. Bei schweren Verstößen drohen Geldbußen von bis zu 18 Millionen Pfund oder zehn Prozent des maßgeblichen weltweiten Umsatzes, je nachdem, welcher Betrag höher ist.

Frankreich hat seine Vorgaben für pornografische Websites ebenfalls verschärft. Australien setzt seit März 2026 zusätzliche verbindliche Regeln für altersbeschränkte Onlineinhalte um. Und in den USA haben zahlreiche Bundesstaaten eigene Altersverifikationsgesetze eingeführt.

Besonders interessant finde ich die Entwicklung in den USA. Im Juni 2025 bestätigte der Supreme Court mit sechs zu drei Stimmen ein texanisches Gesetz, das bestimmte pornografische Websites zur Altersverifikation verpflichtet. Die drei abweichenden Richterinnen und Richter sahen darin auch einen Eingriff in die Rechte erwachsener Nutzer.

Das ist für mich ein zentraler Punkt: Jugendschutz betrifft eben nicht nur Minderjährige. Die technischen Maßnahmen, mit denen wir ihn durchsetzen, verändern auch die Art und Weise, wie Erwachsene das Internet nutzen können.

Für Unternehmen entsteht ein Flickenteppich nationaler Anforderungen. Für Nutzer bedeutet das zusätzliche Hürden beim Zugang zu vollkommen legalen Inhalten. Und für eine neue Branche entsteht ein ziemlich interessantes Geschäftsmodell.

Wer verdient eigentlich daran, dass wir unser Alter nachweisen?

Während Plattformen versuchen, die verschiedenen Gesetze umzusetzen, wächst der Markt für Unternehmen, die Alters- und Identitätsprüfungen anbieten.

Dazu gehören Anbieter wie Yoti, Persona und Veriff. Ihre Verfahren unterscheiden sich teilweise erheblich. Und genau diese Unterschiede gehen in der öffentlichen Debatte häufig unter.

Eine Altersverifikation muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass eine Website meine vollständige Identität erfährt. Es gibt beispielsweise Verfahren, bei denen ein Ausweisdokument geprüft wird, andere nutzen eine KI-basierte Gesichtsaltersschätzung. Dabei soll ein Algorithmus anhand eines Selfies einschätzen, ob jemand eine bestimmte Altersgrenze erreicht hat. Wieder andere Ansätze ermöglichen es, einen bereits bestätigten Altersstatus erneut zu verwenden, ohne bei jeder Website die gesamte Prüfung zu wiederholen.

Auch zwischen Altersverifikation und Altersschätzung sollte man unterscheiden. Eine Schätzung ist keine exakte Feststellung des Geburtsdatums. Gerade bei Menschen in der Nähe einer Altersgrenze können Fehler auftreten. Wie zuverlässig ein Verfahren sein muss und welche zusätzlichen Prüfungen erforderlich sind, hängt vom jeweiligen rechtlichen Rahmen ab.

Aus Sicht der Unternehmen ist das alles andere als trivial.

Veriff veröffentlicht beispielsweise für bestimmte Identitätsprüfungen Preise ab 0,80 US-Dollar pro Prüfung, zusätzlich zu Mindestgebühren. Das ist kein allgemeiner Marktpreis für Altersverifikation, verdeutlicht aber, dass diese Verfahren laufende Kosten verursachen können.

Dazu kommen die Integration der Anbieter, rechtliche Beratung, technische Anpassungen und die Frage, welche Lösung in welchem Land überhaupt anerkannt wird.

Ich arbeite mit Unternehmen aus Adult Tech, Gaming und der Creator Economy zusammen. Gerade kleinere Unternehmen kämpfen in diesen Bereichen ohnehin mit Problemen, die andere Startups kaum kennen. Ein geeigneter Zahlungsanbieter ist nicht selbstverständlich. Werbung ist eingeschränkt. Plattformrichtlinien können sich jederzeit ändern.

Wenn jetzt weitere regulatorische Anforderungen hinzukommen, trifft das nicht alle gleichermaßen.

Ein großer Plattformbetreiber kann sich eigene Compliance-Teams leisten und mehrere Verifikationsanbieter integrieren. Ein kleines Startup muss dieselben grundsätzlichen Anforderungen mit einem Bruchteil der Ressourcen bewältigen.

Dabei geht es nicht nur um Geld. Jede zusätzliche Hürde kann dazu führen, dass Nutzer einen Registrierungsprozess abbrechen oder einer Website ihre Daten nicht anvertrauen möchten. Gerade bei intimen Inhalten ist das nachvollziehbar.

Ich würde mir deshalb wünschen, dass wir bei neuen Jugendschutzregeln stärker darüber sprechen, wie sie sich auf kleinere Anbieter auswirken. Denn wenn Regulierung immer komplexer und teurer wird, profitieren am Ende häufig diejenigen, die ohnehin schon den Markt dominieren.

Fast & Furious ist schließlich auch keine Fahrschule

Was mir in der Diskussion außerdem auffällt, ist, wie häufig Pornografie ausschließlich als etwas betrachtet wird, vor dem junge Menschen geschützt werden müssen, und wie selten wir darüber sprechen, was sie eigentlich verstehen sollten.

Niemand würde ernsthaft behaupten, dass Fast & Furious eine gute Grundlage für den nächsten Fahrunterricht ist. Wir wissen, dass man im echten Leben nicht so Auto fährt. Und genauso sollten junge Menschen verstehen, dass Pornografie keine Anleitung dafür ist, wie Sex im echten Leben funktioniert.

Pornografie ist keine Sexualaufklärung, genauso wenig wie ein Actionfilm eine Fahrschule ist.

Natürlich ist der Vergleich nicht perfekt. Auch Filme haben Altersfreigaben, und pornografische Inhalte können andere Risiken mit sich bringen als fiktionale Autorennen. Mir geht es auch nicht darum, dass Kinder möglichst früh Pornografie sehen sollten.

Aber wir können nicht so tun, als wäre das Problem gelöst, sobald wir ihnen den Zugang zu einer Website erschweren.

Jugendliche werden irgendwann mit Sexualität konfrontiert. Mit Pornografie wahrscheinlich ebenfalls, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Sie müssen verstehen, dass das, was sie dort sehen, inszeniert sein kann, dass Körper unterschiedlich aussehen und dass Einvernehmlichkeit, Kommunikation und persönliche Grenzen im echten Leben wichtiger sind als irgendwelche Erwartungen aus einem Video.

Und sie sollten darüber sprechen können, ohne sich zu schämen.

Die Weltgesundheitsorganisation und die UNESCO verweisen seit Jahren auf die positiven Effekte umfassender Sexualaufklärung. Die Forschung zeigt unter anderem Verbesserungen beim Wissen über Sexualität, bei Einstellungen zu Beziehungen und beim Umgang mit sexuellen Risiken. Entgegen einer häufig geäußerten Befürchtung führt gute Sexualaufklärung nicht dazu, dass Jugendliche früher sexuell aktiv werden.

Natürlich schützt ein gutes Aufklärungsgespräch ein achtjähriges Kind nicht automatisch davor, versehentlich auf pornografische Inhalte zu stoßen. Deshalb halte ich technische Schutzmaßnahmen durchaus für sinnvoll.

Aber ich frage mich, warum wir so viel Energie in die Frage investieren, wie wir den Zugang technisch verhindern können, und vergleichsweise wenig darüber sprechen, wie wir junge Menschen auf den Umgang mit solchen Inhalten vorbereiten.

Alterskontrollen können den Zugang erschweren. Medienkompetenz hilft Menschen auch dann noch, wenn sie irgendwann alt genug sind, diese Inhalte legal anzusehen.

Heute das Alter. Und morgen?

Was mich an der Altersverifikation fast noch mehr beschäftigt als die einzelne Kontrolle, ist die Infrastruktur, die wir dafür schaffen.

Die Europäische Union arbeitet mit ihrer Digital Identity Wallet an einer Möglichkeit, persönliche Informationen und Berechtigungen digital nachzuweisen. Dazu gehören nicht nur Altersnachweise, sondern beispielsweise auch Führerscheine oder berufliche Qualifikationen.

Technisch finde ich das durchaus interessant. Wenn eine Website lediglich wissen muss, ob ich volljährig bin, sollte sie dafür weder meinen Namen noch mein genaues Geburtsdatum erfahren müssen.

Genau hier setzen datenschutzfreundliche Verfahren an. Bei der sogenannten selektiven Offenlegung werden nur die Informationen weitergegeben, die für einen bestimmten Zweck erforderlich sind. Je nach technischer Umsetzung können auch kryptografische Verfahren zum Einsatz kommen, mit denen sich eine Eigenschaft bestätigen lässt, ohne die zugrunde liegenden personenbezogenen Daten offenzulegen.

Das ist zunächst ein Fortschritt gegenüber der Vorstellung, dass wir überall Ausweiskopien hochladen müssen.

Allerdings lässt sich dieselbe technische Logik auch auf andere Eigenschaften übertragen.

Ob jemand in einem bestimmten Land lebt, eine bestimmte Qualifikation besitzt oder eine andere persönliche Voraussetzung erfüllt, kann ebenfalls digital nachgewiesen werden.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Websites künftig beliebig solche Informationen verlangen dürfen. Dafür gibt es rechtliche Grenzen, und die Existenz einer Technologie ist noch lange keine Rechtfertigung für ihren Einsatz.

Aber genau deshalb sollten wir jetzt darüber sprechen, wo diese Grenzen liegen sollen.

Heute erscheint uns eine Alterskontrolle nachvollziehbar, weil wir Minderjährige schützen möchten. Doch wenn digitale Nachweise zunehmend zur Voraussetzung für den Zugang zu Onlineangeboten werden, stellt sich irgendwann auch die Frage, welche anderen Eigenschaften wir überprüfen lassen wollen.

Muss ich künftig bestätigen, in welchem Land ich lebe, bevor ich bestimmte Informationen lesen darf? Welche Nachweise könnten Plattformen oder Staaten in Zukunft verlangen? Und wie verhindern wir, dass eine ursprünglich datenschutzfreundlich gedachte Infrastruktur für unnötige Zugangsbeschränkungen genutzt wird?

Das sind keine Behauptungen darüber, was zwangsläufig passieren wird. Es sind Fragen, die ich lieber heute diskutieren würde als erst dann, wenn sich entsprechende Verfahren bereits etabliert haben.

Vielleicht ist mein MacBook die bessere Lösung

Wenn wir Alterskontrollen einsetzen, sollten wir sie zumindest so gestalten, dass möglichst wenige persönliche Daten offengelegt werden müssen.

Die EU hat dafür einen technischen Bauplan für eine datenschutzfreundliche Altersverifikations-App entwickelt. Das Ziel ist, nachweisen zu können, dass man eine bestimmte Altersgrenze erfüllt, ohne der jeweiligen Website die vollständige Identität mitzuteilen.

Auch eine Altersbestätigung über das Betriebssystem oder einen wiederverwendbaren digitalen Nachweis halte ich grundsätzlich für sinnvoller als immer neue Prüfungen durch unterschiedliche Websites.

Ich habe kein Problem damit, dass mein MacBook einen verlässlich bestätigten Altersstatus verwenden könnte. Ich habe aber wenig Lust, bei jeder zweiten Website meinen Reisepass hochzuladen.

Natürlich ist auch das keine perfekte Lösung. Ein Gerät wird nicht immer ausschließlich von einer Person genutzt. Und wenn Betriebssystemanbieter darüber entscheiden, wie Altersnachweise funktionieren, verlagern wir möglicherweise noch mehr Macht zu Apple, Google und Microsoft.

Aber zumindest könnten wir damit vermeiden, dass immer mehr einzelne Websites und Dienstleister unnötig persönliche Informationen über uns sammeln.

Gerade bei intimen oder sensiblen Inhalten sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen diese möglichst anonym nutzen können.

Was bleibt vom freien Internet?

Ich bin mit einem Internet aufgewachsen, in dem man ziemlich viel entdecken konnte, ohne sich vorher irgendwo ausweisen zu müssen. Das war manchmal chaotisch, manchmal problematisch und definitiv nicht immer sicher. Aber genau diese Offenheit hat das Internet für mich so besonders gemacht.

Man konnte Fragen stellen, sich mit Menschen austauschen, Dinge ausprobieren und sich mit Themen beschäftigen, über die man im eigenen Umfeld vielleicht niemals gesprochen hätte.

Heute bauen wir immer mehr Kontrollen ein, oft aus nachvollziehbaren Gründen. Nur sollten wir uns bewusst sein, dass sich damit auch verändert, was wir unter einem freien Internet verstehen.

Ich möchte nicht, dass Minderjährige ungeschützt Zugang zu Pornografie haben. Ich möchte aber auch nicht, dass Erwachsene irgendwann für jede zweite Website nachweisen müssen, wer sie sind oder welche persönlichen Voraussetzungen sie erfüllen.

Und ich möchte vor allem nicht, dass wir die Debatte über Jugendschutz auf die Frage reduzieren, welche Technologie Menschen am zuverlässigsten vor einer Website stoppen kann.

Wir sollten mindestens genauso viel darüber sprechen, wie wir junge Menschen auf die digitale Welt vorbereiten. Mit Sexualaufklärung, Medienkompetenz und einem realistischen Verständnis davon, wie Menschen das Internet tatsächlich nutzen.

Denn die Frage ist für mich nicht, ob wir Kinder schützen sollten. Sondern wie wir das tun, ohne dabei Stück für Stück das offene Internet aufzugeben.

Über die Autorin

Pauline Schmiechen berät mit Pauline’s Advisory Unternehmen aus Adult Tech, Gaming und der Creator Economy. Für GAN schreibt sie als Gastautorin über Trends, Technik und Geschäftsmodelle der Branche.

Unbezahlter Gastbeitrag, der die Meinung der Autorin wiedergibt. Kontakt: LinkedIn


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