Samstag, Mai 18, 2024

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Ein Kind zu töten…

Bereits kurz vor der gelungenen Veröffentlichung von „La Bete“ erschien mit „Ein Kind zu töten…“ ein weiteres Juwel europäischer Kinogeschichte beim  aufstrebenden Label Bildstörung. Dabei ist der Film alles andere als leichte Kost und nach der Streichung vom Index nun auch erstmals in Deutschland ungekürzt erhältlich.

Ein kind zu toeten DVD Cover Bevor es um die unterschiedlichen Aspekte und Feinheiten von „Ein Kind zu töten…“ geht, sei kurz die eigentlich Story erzählt: Der englische Biologe Tony will mit seiner hochschwangeren Frau Evelyn einen erholsamen Urlaub in Spanien verbringen. In dem gewählten Urlaubsort Benavis herrscht aber aufgrund eines Volksfestes Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die lauten Menschenmassen lassen bei Tony aber nicht wirklich die ersehnte Urlaubsstimmung aufkommen und so beschließt er zur Insel Almanzora weiter zu reisen. Dort war er vor 12 Jahren schon einmal und mietet sich am nächsten Tag ein Boot. Als er mit Evelyn auf der idyllisch wirkenden Insel eintrifft, scheint alles ruhig sein. Zu ruhig eigentlich und ihnen fällt nach einem Rundgang auf, das nur Kinder, aber keine Erwachsenen im Ort zu sehen sind. Alles scheint verlassen zu sein und selbst in den kleinen Läden oder in einer kleinen Pension findet man weder Einheimische geschweige denn andere Touristen. Die Lösung des mysteriös anmutenden Geheimnisses findet sich schneller als den beiden lieb sein kann: die Kinder scheinen wahnsinnig geworden zu sein und die Erwachsenen geraten schnell zur Zielscheibe der Kinder …
Wer sich soweit die Spannung nicht verderben will, sollte daher die nächsten Textpassagen überspringen!

Bildstörung, dem auf außergewöhnliche Filme aller Art spezialisierten Label aus Aschaffenburg, ist vorweg mal wieder ein ganz dickes Lob auszusprechen. Zum einen ist die Qualität der DVD wieder top und man hat es geschafft dieses Werk, wie zuvor „La Bete“, endlich vom Index zu holen. Des Weiteren erscheint der Film erstmals ungekürzt auf DVD, was sich direkt zu Beginn des Films dramatisch auswirkt. So fehlte in der alten deutschen VHS-Fassung von ITT, die damals unter dem wenig sinnvollen Namen „Tödliche Befehle aus dem All“, der komplette Vorspann. In diesem sind chronologisch gegliedert, und zu unschuldig klingendem Kindergesang, reale wie drastische Bilder von Kindern in KZ-Lagern, Kriegs– und Hungergebieten zu sehen.
Im Kontext mit dem Off-Text wird zugleich die Titelfrage, nämlich wer ein Kind töten kann, quasi von alleine beantwortet. Erwachsene können dies nicht nur, sondern tun dies auch schon über Jahrzehnte der Moderne hinweg. Entsprechend würde somit bereits der Vorspann erläutern, wie es am Ende zu dem grausamen Finale auf der Urlaubsinsel kommen kann. Denn hier bzw. im Original-Kontext sind es nicht mehr geheimnisvolle Strahlen aus dem All, wie es die dümmlich alte Synchro dem Zuschauer vorgaukelte, sondern es die Entscheidung der Kinder selbst, dass ihr Leben ohne Erwachsene vermutlich sicherer ist. Die einfache wie folgenschwere Konsequenz lautet daher alle Erwachsenen zu eliminieren.

Was sich drastisch anhört, ist allerdings umso gelungener inszeniert worden. Denn auch wenn „Ein Kind zu töten…“ allgemein dem Horror-Genre zu zurechnen ist, läuft der eigentliche Horror in diesem intelligenten Streifen aus Spanien, überwiegend im Kopf des Zuschauers ab. Dies gilt erst recht, wenn man eigene Kinder hat und vom packenden Überlebenskampf des Paares mitgerissen wird. Des Weiteren ist es Regisseur NarciscoIbánez Serrador auch noch auf wahrlich eindrucksvolle Weise gelungen, den Film in eine äußerst bemerkenswerte Optik zu verpacken.
Wer hier düstere Orte und nächtlichen Hokuspokus sucht, ist mehr als falsch. „Ein Kind zu töten…“ findet unter der grellen Mittagssonne des spanischen Sommers statt. Ein Umstand, der dem Aspekt Horror keineswegs abträglich ist, sondern ihn nur noch realistischer und beklemmender erscheinen lässt. So reicht das einfache Auftauchen eines Kindes schon, um denselben Schrecken zu erzeugen, wie er sonst einem furchteinflößendem Monster gleichkommt. Regisseur Serrador betonte im Interview (der DVD-Extras), dass er gerade das Klischee des düsteren Gothic-Horrors vermeiden wollte. Damit steht er in einer Reihe mit Tobe Hoopers „TCM“ und Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“, die beide gleichfalls das Grauen bei hellem Tageslicht entstehen (und wirken) lassen.

Durch die hervorragende Kameraarbeit und dem sorgfältigen wie durchdachten Aufbau der Geschichte, offenbart sich der Horror konsequent langsam, aber immer drastischer und dynamischer. Für viele Zuschauer mag dies durchaus antiquiert wirken, aber Serrador zeigt damit umso mehr seine Klasse und klassisches 70er Jahre Kino. Allerdings soll nicht unterschlagen werden, dass es durchaus einige „echte“ blutige Schocker-Szenen gibt. Diese sind aber wohldosiert ans Tempo der Erzählstruktur angepasst und treffen den Zuschauer somit umso überraschender.
Die glänzende Inszenierung offenbart mitunter aber auch einige Schwächen des Drehbuchs, was sich vor allem in einigen unsinnig wirkenden Aktionen der beiden erwachsenen Charaktere wiederspiegelt. Aber gut, das ist in diesem Fall geschenkt, denn der Rest überzeugt dafür umso mehr.

Auch lässt sich „Ein Kind zu töten…“ weder als plumpes Explotation-Werk aburteilen noch als reines Genre-Kino. Sieht man von Zitaten wie „Der weiße Hai“ am Anfang und „Nach der lebenden Toten“ am Ende ab, erinnert das Ganze mehr an Hitchcocks „Die Vögel“. Der Film lebt und fasziniert den kompetenten Zuschauer gerade mit der einmaligen Mixtur aus Einstellungen, Kamerafahrten, Timing und Vertonung.
Dabei kommt einem hinsichtlich der Thematik direkt „Das Dorf der Verdammten“ in den Sinn. Wohl der Ursprung aller Angstphantasien um mörderische Kinder. Ein Aspekt, auf den das umfassende Booklet zur DVD eingeht. Im Übrigen entstand Serradors Werk ein Jahr vor dem wohl weitaus bekannterem Stephen King Buch „Kinder des Zorns“ und ist zudem noch erheblich effektiver in seiner Bildsprache.
Sieht man dann noch vom filmhistorischen Kontext noch mal auf die inhaltliche Ebene, erweist sich „Ein Kind zu töten…“ als vielfach interpretierbar und vielschichtig. Angefangen von der Anklage, die Kinder als wichtigsten Gut der Menschheit vor Qualen und Leid zu schützen, bis hin zur Charakter-Darstellung der Protagonisten: Vom nachdenklichen Biologen hin zur lebensfrohen, aber naiven Ehefrau. Insbesondere in der Beziehung der beiden steht unausgesprochen, und durch die komplette Handlung hinweg, die Thematik und Problematik der Abtreibung im Raum. Angereichert wird das Ganze dann noch von der allgewärtigen Gesellschaftskritik, sowie der Rebellion gegen die ältere Generation und dem Motiv einer natürlichen Rache.

Umso überraschender erscheint daher auch der Umstand, dass Regisseur Serrador neben etlichen Arbeiten fürs Fernsehen nur noch zwei weitere Genrefilme inszeniert hat. So zum einen den großartigen Gothic-Horror Kinofilm „La Residencia“ (1971) und „Películas para no dormir” (2006), der als Pilotfilm für eine spanische Horror-Serie konzipiert ist.
Wie seit einiger Zeit bekannt ist, arbeitet Regisseur David Alcalde an einem Remake von „Ein Kind zu töten…“. Die spanisch-mexikanische Co-Produktion und Alcaldes Spielfilm-Debüt soll 2010 erscheinen.
Wie schon bei den anderen DVD-Veröffentlichungen von Bildstörung bietet auch die DVD von „Ein Kind zu töten…“ eine hervorragende Bildqualität, die sich als scharf, rauschfrei und kontrastreich erweist.
Die Tonspuren haben teils einige kleine Problemchen, aber sind durchweg klar und gut verständlich.
Neben dem schon erwähnten informativen Booklet gibt es noch Interviews mit dem Regisseur und dem Kameramann, sowie als weiteren Bonus eine Audio-CD mit dem Originalsoundtrack von Waldo de los Ríos.
Dank eines Umschlags um den Pappschuber, kann man sich auch des riesigen FSK-Logos entledigen, wenn man will. Da hat man sich Gedanken und Mühe gemacht und kann durchaus von der Referenzklasse sprechen.

Zusammenfassung: „Ein Kind zu töten…“ ist alles andere als ein ideenloser und sinnlos-brutaler Horror-Streifen. Der zu Unrecht vergessene und vielfach missverstandene Klassiker des 70er Jahre Kinos ist ein intelligenter und kontroverser Schocker für ausgeschlossene Filmfreunde. Zugleich ein filmisches Testament aus einer Zeit, als Filme noch an die Grenzen jenseits aller Blockbuster-Marken gehen konnten. Beeindruckend sehenswert!