Dienstag, April 23, 2024

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History of Porn (2) – Der pornografische Film in den 20er Jahren

Im ersten Teil unserer History of Porn, der im Rahmen der Artikel über die Geschichte des pornographischen Films veröffentlicht wurde, war über die Anfänge seit Erfindung der Photographie die Rede. Speziell in Frankreich entwickelte sich dieses Genre und hatte zunächst in den zwanziger Jahren seinen Höhepunkt.

Pornografie für die oberen 10.000

Wichtig war damals die Unterscheidung der Filme in Inhalt und Gestaltung, die stark von der sozialen Lage der Konsumenten abhing. So waren die Filme für die obere Schicht deutlich anders inszeniert als die für die unteren Schichten.
Diese Unterscheidungsmerkmale lassen sich auch heute noch antreffen, doch hängen diese eher vom Geschmack des Konsumenten ab, als von dessen Sozialstatus.

Im französischen Pornofilm der Zwanziger war das noch völlig anders. So war es eine Besonderheit der Filme der Oberschicht, dass bekannte Angehörige der feinen Gesellschaft gerne maskiert in den Produktionen auftraten.
Sowohl der Bankier von nebenan als auch eine berühmte Opernsängerin konnte hinter einer der Kapuzen stecken. So wurde der pornographische Film auch durch die Tratscherei in der Öffentlichkeit immer populärer und fand langsam seinen Weg zur allgemeinen Akzeptanz.

Europäische Differenzen im Pornofilm der Zwanziger Jahre

Die Vorherrschaft des französischen Pornofilms zog nach sich, dass sich in anderen europäischen Ländern eine extremere Form dieses Genres entwickelte. Die deutschen und englischen Produktionen waren oft von Gewalt und Fetischismus geprägt.
In Italien dagegen wurden Filme gedreht, die sich eher am dekadenten Geschmack des Großbürgertums orientierten. Dies drückte sich in erster Linie durch aufwendige Dekoration und schwülstig-lyrische Zwischentitel aus.

Was die technische Qualität angeht, waren die deutschen und österreichischen Produktionen den italienischen und französischen überlegen. Die Zensur erlaubte jedoch nirgendwo soviel Freiheit wie in Frankreich.
Aus diesem Grunde wurde Paris auch wieder einmal mehr dem Ruf als „Stadt der Sünde“ gerecht. Diese Freiheit war auch ein Aspekt, den die umliegenden europäischen Länder neideten.

Neue Rollenverteilung im 1. Weltkrieg

Als schließlich der Erste Weltkrieg ausbrach und sich die Männer an der Front bekämpften, kam den Frauen zuhause immer mehr Verantwortung entgegen. Im Kulturellen war die französische Lebensart verpönt. Wurde hier die Frau als bedürfnisreiches (und somit sexhungriges) Wesen dargestellt, so hatte sie sich im pornographischen Film der anderen europäischen Länder immer noch männlichen Machtfantasien unterzuordnen. Durch die Vormachtstellung des französischen Pornofilms wurde die Rolle der Frau zunächst in eine positive Richtung gelenkt. Dies änderte sich jedoch nach dem Krieg.

Zur Kriegszeit hatte die Frau bewiesen, dass sie unabhängiger sein konnte, als es ihr allgemein zugetraut wurde. Die Macht der Frau wurde sowohl politisch, wie auch kulturell größer. Die männliche Gegenreaktion bestand aus Angst und Anziehung vor diesem neuen Frauentyp zugleich.
Ähnlich wie zwei Jahrzehnte später beispielsweise im Film Noir die Furcht vor der emanzipierten Frau Ausdruck fand, entstand auch im Pornofilm ein neues Bild: Das der gierigen und untreuen Ehefrau. Vielleicht lässt sich damit auch erklären, weshalb der europäische Pornofilm, welcher die Rolle der Frau noch bedeutender werden ließ, durch die neu geweckte Angst des Mannes nach den zwanziger Jahren vorübergehend einen Niedergang erlebte und zunächst nur noch ein Schatten­dasein im Untergrund fristete.

Warum in Amerika nicht alles ganz anders war

Im Amerika in der Zeit vor der Großen Depression (in den dreißiger Jahren) war eine ähnliche Entwicklung des pornographischen Films zu verzeichnen.
Zunächst gab es in den USA noch keine staatlichen Prüfstellen, die sich um die moralischen Werte der Nation kümmerten. Bis in die „goldenen Zwanziger“ hinein waren beispielsweise auch die großen Stummfilmproduktionen recht offenherzig und freizügig.

Um 1905 herum gab es hier auch schon die ersten Filmautomaten, in denen man mehr als nur erotische Aufnahmen zu sehen bekam, wenn man sich dazu nur an die entsprechenden Orte begab.
Aus frühen erotischen Komödien entstanden hier die ersten Pornofilme unter Titeln wie „Love at each floor“ oder „College boy’s first love“. Zwar bestanden die pornographischen Anteile lediglich aus Totalen, die in einer Einstellung gefilmt wurden, doch wurden diese mit konstruierten komischen Geschichten verbunden, aus denen sich der spätere, typische Pornofilm entwickelte.

Diese Kombination aus dem  Abfilmen von sexuellen Handlungen und narrativen Elementen bedingte, dass sich so etwas wie ein eigenes Genre entwickelte, in welchem, wenn auch nur am Rande, ein Stück Kultur mit einfloss.
Dieser Mechanismus lässt sich im Übrigen auch heute immer noch feststellen. Auf Phasen des pornographischen Minimalismus, in denen es lediglich um den sexuellen Akt vor den immer moderner werdenden Kameras geht, folgen Phasen, in denen der Handlungsfilm wieder erfolgreich wird.

Zurück in den Untergrund

Als im Jahre 1908 schließlich die ersten staatlichen Prüf­stellen der USA in Kraft traten, wurde zumindest der öffentliche Film sauber gehalten, wenn dies auch noch in keinem Verhältnis zu dem stand, was sich mit der Öffnung des zensurwütigen „Hays Office“ in den dreißiger Jahren abspielen sollte.

Der pornographische Film zog sich somit in den Untergrund zurück und wurde hier ein ganzes Stück härter als es zuvor in der unkontrollierten Zeit war.
Wie im französischen Vorbild, behielt man in Amerika dazu die Form des Einakters bei. Ähnlich wie in den unzähligen Slapstick Kurzfilmen dieser Zeit, griff auch der Pornofilm komische Szenen des Alltags auf und kombinierte diese mit handfestem Sex.

Oft handelte es sich dabei um Ehebruch­„Stückchen“, in denen das wild treibende Paar vom Ehemann erwischt und durch die Gegend gescheucht wird. Helden dieser Filme waren die kleinen Leute, die sich ihre – sexuellen – Rechte zu erkämpfen hatten.
So floss in den frühen amerikanischen Pornofilm ein soziales Element mit ein, welches in den offiziellen Sexfilmen nicht zu finden war.
Hier richtete man sich gegen die konservativen Moralvorstellungen, die auch heute noch typisch sind für den amerikanischen Mainstream Film. Es ergab sich eine konsequente Trennung vom normalen Film und dem sogenannten „Dirty-„ oder „Stag Movies“ („stag“ = Jungeselle).

Der erste richtige US-Porno

Ungenauen Angaben zufolge gilt als erster „richtiger“ Pornofilm der USA gemeinhin der Streifen „A grass sandwich“ (auch bekannt unter „A free ride“ und auf diversen Kompilationen historischer Pornofilme zu finden).
Durchaus mit sämtlichen technischen Mitteln der damaligen Zeit produziert, wird hier die typisch simple Geschichte eines Mannes erzählt, der zwei Mädchen mit seinem Auto mitnimmt. Zwischendurch macht er eine Pinkelpause, aus der heraus sich die sexuellen Aktion ergeben.
Wieder ist hier auffällig, dass die Aktivität von den Frauen ausgeht, und der Mann lediglich genießt. Der Hauptunterschied zu den europäischen Filmen liegt im Setting an der freien Luft. Auch diesmal gibt es humorvolle Zwischentitel, welche zu den gezeigten Bildern ein Gegengewicht liefern.

Vom Pornofilm zur Pornoindustrie

In den Jahren ab 1910 war der amerikanische Pornofilm mittlerweile zu einem kleinen aber nicht unwichtigen Wirtschaftsfaktor geworden. Zwar hatten nicht alle das hohe filmische Niveau von „A grass sandwich“ vorzuweisen, doch es hatte sich ein Markt für diese Art der Unterhaltung etabliert. Dieser war folglich nicht nur auf die entsprechenden Etablissements im Rotlichtviertel begrenzt, sondern hatte seine Kundschaft gleichermaßen in den Reihen reicher Geschäftsleute.

Der Pornofilm entwickelte sich langsam aber sicher zu einem Genre für jedermann. Die Legalität war unterdessen abhängig von den verschiedenen Staaten.
Wo im einen die Produktion und der Vertrieb pornographischen Materials als Kavaliersdelikt geahndet wurde, konnte man dafür im nächsten schon schwer bestraft werden. Dennoch wuchs und wuchs der Markt in Amerika, der vorläufig in den zwanziger Jahren seinen Höhepunkt hatte.

Der nächste Teil dieser Historie wird sich eingehend mit der Weiterentwicklung des Pornofilms in Amerika befassen, welche durch die Unruhen der Depression und des Zweiten Weltkriegs geprägt war.